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Eine alte Schanze erzählt...

Aus der Geschichte des Doppellagers Mühlberg - Neuburxdorf
(Bilder im Text zum Vergrößern anklicken)

Seinen Anfang nahm das Lager Mühlberg-Neuburxdorf eigendlich als Heerlager im Jahre 1682. Seit dieser Zeit diente das Gelände zwischen Buexdorf und Altenau - damals Boragk - bis hin zur jetzigen Eisenbahnlinie Falkenberg-Riesa als Aufmarsch-, Revue- und Artillerieschießplatz. Hier wurden in sächsischen Zeiten bis 1814 und später von den preußischen Regimenten Kavallerie- und Artilleriemanöver abgehalten. Als Wahrzeichen damaliger Zeit steht heute noch auf diesem Gelände ein großer, künstlich angelegter Erdwall, die „Alte Schanze“, die dazu diente, Artilleriegranaten abzufangen. Daher wird sie auch „Kugelfang“ genannt. Das führte nach dem 2. Weltkrieg verbreitet zu der irrigen Annahme, hier wären zu Zeiten des Kriegsgefangenen- und späteren Internierungslagers Menschen erschossen worden. Es muß eindutig gesagt werden:

„Hier wurden keine Menschen erschossen!“

Im Jahre 1890 führten sächsische und preußische Regimenter ein denkwürdiges, gemeinsames Manöver mit Kavallerie- und Artillerieverbänden durch. Dieses Spektakel befehligte ein Generalleutnant von Rosenberg.

„Als Exzellenz von Rosenberg das Gelände zum ersten Male erblickte, hat er ausgerufen: Leute, wenn ihr dieses Terrain anseht, dann muß Euch das Herz aufgehen!“

So berichtet der Chronist. Seine Worte sollten 100 Jahre später einen ganz anderen Sinn erfahren.

Der erste Weltkrieg erschütterte das Land. Das „Lagergelände“ war wie eh und je in Bauernhand und gab aufgrund seiner mageren Bodenverhältnisse kärgliche Erträge ab. Durchbrochen von Kiefernwäldern und –schonungen bestellten die Bauern ihre Felder. Es gab Armut und Verschuldung unter dem Bauernstand. Da kam das sogenannte Dritte Reich. Sechs Jahre dauerte der Aufschwung auch in dieser Region. Noch vor Beginn des 2. Weltkrieges am 1.9.1939 konfiszierte das „Reich“ mit Datum vom 26.8.1939 alle Ländereien auf dem ehemaligen Revueplatz-Gelände für die Wehrmacht. Die Felder mußten abgeerntet und durften nicht wieder bestellt werden.

Bald nach Beginn des Krieges mit Polen trafen die ersten Gefangenen ein. Und so entstand unter Beteiligung von einer ganzen Reihe von Baufirmen aus dem Umland, den ersten Kriegsgefangenen selbst sowie jüdischen Menschen, die besonders streng herangezogen wurden, verhältnismäßig schnell eine Barackenstadt. Tag und Nacht waren Transporte mit LKW und Bahn unterwegs. Es war schließlich keine Kleinigkeit, beinahe über Nacht, eine so große „Gefangenenstadt“ im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Boden zu stampfen. Wochenlang rollten Lastzüge mit Baustoffen und Gerät heran. Es wurde Tag Lagertorund Nacht gearbeitet, um noch vor Eintritt des Winters ausreichend Unterkünfte für Kriegsgefangene zu errichten. Uns so entstand auf freiem Feld, in einiger Entfernung von dörflichen Ansiedlungen, das Mannschafts-Stamm-Lager IV B Mühlberg (M-StALAG IV B). Es sollte einmal das größte Kriegsgefangenenlager des 2. Weltkrieges auf deutschem Boden werden und 30000 Menschen aus 12 Nationen beherbergen. Es ging nicht nur um das sogenannte „Dach über dem Kopf“. Die Versorgung und die Entsorgung mußten organisiert und installiert werden. So entstanden Küchen, Kammern, Werkstätte, Krankenreviere, ein Lazarett, Kantine, Postanstalt, Lagergärtnerei, Entlausungsbaracke, Kulturbaracke mit Bühne und Beleuchtung, ein Gotteshaus, eine Feuerwehr und Lagerpolizei wurden aufgestellt. Plätze für sportliche Betätigung (Fußball, Boxen u.s.w.) wurden hergerichtet. Teiche für die Feuerbekämpfung und zum Baden legten die Gefangenen an. Ein großer Windmotor pumpte Wasser aus größeren Tiefen. Ein Abwasserkanal bis zur Alten Elbe wurde gebaut (10 km). Nicht zuletzt legte man einen Friedhof in Neuburxdorf an, auf dem im Verlauf von fast sechs Kriegsjahren verstorbene Gefangene beerdigt worden sind. Es starben in dieser Zeit 3000 Menschen. Ihnen zu Ehren schuf ein französischer gefangener Soldat ein 5 m hohes Monument, welches unvollendet blieb. Es steht auf dem Soldatenfriedhof in Neuburxdorf. Hie werden seit vielen Jahren aus gegebenen Anlässen Kränze und Blumengebinde niedergelegt.

Das Leben im Lager wurde straff organisiert. Jeder Gefangene wurde listen- und karteimäßig registriert, er bekam ein Paßfoto und eine Lagererkennungsmarke, die am Körper zu tragen war. Zwölf Nationalitäten können zwölf verschiedene Sprachen bedeuten, also mußten Dolmetscher sein. Briefe und Karten, die aus dem Lager in die Heimat gingen oder ins Lager kamen, mußten kontrolliert werden. So entstand mit der Zeit eine mittelgroße „Lagerstadt“. Es lebten dortIn einer Baracke etwa halbsoviel Menschen wie im heutigen Kreis Bad Liebenwerda. Nahezu alle Kriegsgefangenen waren kurz nach ihrer Einlieferung, nachdem alle nötigen Formalitäten erledigt waren, zur Arbeit verpflichtet. So wurden Arbeitskommandos für den Einsatz im Lager, in der nahegelegenen Zuckerfabrik, in Möbelwerken uns Sägewerken gebildet. Der Hauptanteil der Gefangenen wurde in der Landwirtschaft eingesetzt. Für die geleistete Arbeit erhielten die Gefangenen ein Entgeld. Dieses „Lagergeld“ hatte nur im Gefangenenlager selbst einen Kaufwert. Dort konnte man in einer Verkaufsstelle der Kommandantur bestimmte Waren einkaufen.

Mit der zunehmenden Dauer des Krieges änderte sich das Lagerleben, und die Sehnsucht nach dem Kriegsende und der Rückkehr in die Heimat wurde stärker. Die Ugewißheit über die Lage der Familien und dem Zustand des Heimatortes und –landes verstärkte sich immer mehr bei den Gefangenen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen an der Ost- und der Westfront verlagerten sich immer weiter an die deutschen Grenzen uns schließlich dorthin, von wo der Krieg seinen Ausgang nahm, nach Deutschland. Am 23.4.1945 marschierte die Rore Armee in das Lager ein. Kurz zuvor hatte sich das etwa 1600 Mann starke Wachregiment geordnet abgesetzt und ist in Blegern über die noch vorhandene Ponton-Brücke in Gefangenschaft zu den Westalliierten marschiert. Es dauerte nach dem endgültigen Sieg der Alliierten noch eine gewisse Zeit, bis alle Gefangenen in die Heimat zurückkehren konnten. Straßen, Brücken, Eisenbahnstrecken und Transportkapazitäten waren weitestgehend zerstört und mußten zunächst notdürftig repariert werden, und das dauerte seine Zeit. Schließlich ging es dann etappenweise, streckenweise auch zu Fuß, in die Heimat zurück.

Ein Holländer erinnert sich:

„Erst 30 km nach Torgau laufen, dann mit der Bahn nach Hause.“

Es vergingen die Monate Mai, Juni und Juli 1945. Verlassen lag die Barackenstadt da. Es wurde „ Hand angelegt“, das Lager demontiert und teilweise zerstört. Das Ende von Gefangenen- und Konzentrationslagern sollte damit besiegelt sein. - Sollte!

Bereits in den Monaten August und September 1945 begann man zu reparieren, zu restaurieren, neu zu bauen und ne zu „gestalten“. So legte man neue Sicherungsanlagen um das Lager an. Es hieß, hier müssen deutsche Bürger, die angeblich den Aufbau der neuen demokratischen Ordnung gefährden Soldatenkonnten, isoliert werden. - Also, es entstand ein Internierungslager nach dem Vorbild der eben überwundenen Nazizeit. Der erste Internierungshäftling durchschritt bereits am 23.09.1945 das neugestaltete Lagertor. Mit diesem Tag begann für weit über 20000 Menschen ein schier unsägliches und unerträgliches Leiden, das für fast 7000 von ihnen den Tod bedeutete. Ständig kamen neue Transporte an, und es gingen auch welche ab in andere Lager bzw. in die ehemalige Sowjetunion nach Sibirien zur Zwangsarbeit in die Wälder oder Kohlenschächte. Die Anzahl der Lagerinsassen war nicht zu jeder Zeit konstant.

Wie so eine Einweisungsprozedur vonstatten ging, schildert der Amerikanische Zivilist John Noble wie folgt:

„Unsere Fahrt ging zum Lagertor. Die wenigen persönlichen Sachen mußten wir hier zurücklassen und in einer Reihe antreten. Dann hieß es, „Rechts-um!“ und im Gänsemarsch liefen wir an einem Offizier vorbei. Einer nach dem anderen hatte Namen, Geburtsdatum und Geburtsort zu nennen. Kapitän Litvinov hielt Listen der Neuankömmlinge in der Hand und hakte die Namen ab.“

Seine eigene Zuweisung schildert er so:

„ John Noble! September 1923! Detroit, Michigan, USA!, sagte ich schnell dahin und wollte sogleich meinen Protest anschließen, da ich USA-Bürger war. Aber die Aufforderung: „Dawai - Bistro!“(Komm schon, schnell!) veranlaßten den Posten, mir einen Rippenstoß zu geben. Also verschob ich meinen Protest auf später.“

Ein anderer ehemaliger Häftling, im August 1945 aus dem Lazarett entlassen, 20 Jahre alt, schwer kriegsbeschädigt (Oberschenkelamputation), beschreib den Lageraufbau:

„Das Internierungslager hatte ein Flächenausmaß von etwa 30 Hektar. Seine Länge betrug 680 m, und die Breite maß 520 m. Eine Lagerstraße durchzog es von West nach Ost. Zu beiden Seiten der Straßen standen die Baracken für die verschiedensten Zwecke. An Wohnbaracken gab es 41 Doppelbaracken mit gemauertem gemeinsamen Waschraum in der Mitte. Es gab also 82 Einzelbaracken, jede mit etwa 250 Häftlingen belegt. Nur eine Baracke hatte eine Zwischendecke. Auf zusammenhängenden Doppelstockpritschen war für jeden Häftling eine etwa 50 cm breite Liegestätte vorgesehen. Stroh oder gar Strohsäcke sowie Decken waren nicht vorgesehen. Man schlief in Kleidung auf blanken Holzpritschen. Längs in der mitte der Baracke befand sich ein gamauerter Ofen, von dem ein langer „Fuchs“ zum Schornstein führte. Er spendete im Winter, wenn Feuerung zur Verfügung stand (Kohle gab es nicht), mäßige Wärme.“

Die durchschnittliche Belegungszahl variirte zwischen 13000 und 15000 Menschen bei laufenden Zu- und Abgängen. Davon waren etwa 400 bit 1000 Frauen interniert. Das Alter der eingesperrten Menschen lag, wie Betroffene berichten, zwischen 10 Jahren (Werwolfverdacht) und 80 Jahren. Etwa 22000 Männer und Frauen mußten sich einmal für kürzere oder längere Zeit im Lager aufhalten. Nicht wenige kamen als Kinder oder Jugendliche ins Internierungslager und waren erwachsene Männer, als sie die Heimat wiedersahen. Unter den Inhaftierten befanden sich ebenfalls viele Studierte. Ein Überlebender schrieb:

„Mühlberg, das war auch ein Intelligenz - Vernichtungs - Lager.“

Nach neuesten Kenntnissen sind im Lager Mühlberg über 6750 Häftlinge an Unterernährung und deren Folgekrankheiten wie Typhus, Ruhr, Lungenentzündung und Tbc verstorben und außerhalb des Lagergeländes östlich der „Alten Schanze“ in Massengräbern verscharrt worden.

Die Sicherungsmaßnahmen und Bauten waren für damalige Verhältnisse perfekt. Die Lagerzäune waren vom Inneren her wie folgt aufgebaut:

1.Zaun: 3 m hoch (Stacheldraht)
2.Zaun: 3,5 m - 4,0 m hoch, mit 220 V unter Spannung gehalten (Stacheldraht)
3.Zaun: 3,5 m - 4,0 m hohe Bretterwand
4.Zaun: ganz außen 3 m hoch (Stacheldraht)

Hinzu kam später eine zusätzliche Stacheldrahteinzäunung innerhalb des Lagers zwischen Barackengruppen, die das Gesamtlager in Gruppen oder besser in Zonen einteilte. So entstanden mit den Zonen I bis IV weitere Isolierungen der Häftlinge innerhalb des Lagers. Kommunikationen oder Besuche in andere Zonen waren somit nicht mehr möglich. Jede Zone hatte ihre festgelegte Funktion:

Zone I für ständige Arbeiter
Zone II gelegentlich Arbeitende
Zone III für Nichtarbeitende
Zone IV für Quarantäne, Küche und Lagerleitung
Zone V für Sterbende
Zone VI für Kranke und das Frauenlager

Außer dem Lagerhaupttor mit Glaskanzel und Scheinwerfer gab es noch weitere 6 mit Scheinwerfern und Maschinengewehrposten ausgestattete Wachtürme,Gedenkstein die gleichmäßig verteilt am Lagerzaun errichtet worden waren. Das Lager war ständig des Nachts beleuchtet, so daß der Lichtschein weit im Umland zu beobachten war. Ein Blick ins Umfeld des Lagers war für die Häftlinge kaum möglich. Nur die Kuppe der „Alten Schanze“ war aus angemessener Entfernung vom Lagerzaun sichtbar, zu der wohl viele in den 3 Jahren ihre Blicke voller Sehnsucht gerichtet haben werden. Daher gab man dieser künstlichen Erhebung den Namen „Sehnsuchtshügel“. Er gilt nur für die, die im Lager gelitten und ihre Sehnsüchte und Hoffnungen hatten. Über das „Lagerleben“ wird an anderer Stelle einmal zu berichten sein.

Es währe müßig und auch nicht möglich, alle Einzelschicksale der Häftlinge zu beschreiben und zu schildern. Jeder hatte sein eigenes, ganz persönliches in das Lager hineingetragen und, wenn er überlebte, wieder mit nach Hause genommen. Wenige haben ihre ganz persönlichen Lagererinnerungen aufgeschrieben, mündlich weitergegeben oder zu Protokoll gebracht. Viele wollten nicht mehr darüber sprechen oder sich erinnern. Mancher ist daran zerbrochen. Auch seelische und psychologische Qualen oder alle Pein zusammengenommen führten zum frühzeitigen Tode der Menschen. Es ist für einen Außenstehenden nicht leicht, alle Situationen der betroffenen Meschen zu erfassen oder gar zu verallgemeinern.

 

Quellen:

1.Achim Kilian: Einweisen in die völlige Isolierung, NKWD - Speziallager Mühlberg / Elbe 1945-1948. Leipzig 1992
2.John Noble: Verhaftet, Verbannt, Verleugnet.
3.Guido Gube: Licht und Schatten im KZ Mühlberg.
4.M. Lorenz: Der Revueplatz bei Mühlberg. In: Heimatkalender d. Kreises Bad Liebenwerda 1916, 48-50.
5.O. Klauser: Die Armee ohne Waffen. In: Heimatkalender d. Kreises Bad Liebenwerda 1941, 69-73.
6.Sächsische Zeitung vom 2.4.1990, Massengräber auch bei Mühlberg?
7.Sächsische Zeitung vom 4.5.1990, Ich fühle mich verpflichtet, zur Wahrheit beizutragen.
8.Elbe-Elster-Rundschau, Aus den Lebenserinnerungen des Dr. Hermann Meyer, Abseits der Kiefernheide, da liegt das Lager Mühlberg (Teil 1 - 5).
9.Elbe-Elster-Rundschau, Verschollen im eigenen Land (Tonbandprotokoll-Auszüge)


Heimatkalender des Landkreises Bad Liebenwerda 1994.
Seite 103 - 109
Autor: Günter Peschel

 

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